Fremd sein für jedermann

6 12 2011

Neugierde

Als Tochter einer Ungarin und eines Österreichers habe ich schon oft gehört, das wäre ja fast das gleiche. Dank der k. und k. Doppelmonarchie schien das ein angenehmer Background für eine aus dem Osten stammende Frau zu sein und war bei uns und anderen nie Thema.

Ich muss sagen, meine Mama hat sich wunderbar „integriert“. Innerfamiliär sind ihr nur mehr die feurige Zubereitung der Speisen, das ungarische Temperament und darauf basierende verbale, laute Unmutsäußerungen geblieben. Ich selbst bin stolz darauf, beim Erstkontakt für mich „Fremder“ auf mein halb ungarisch versetztes Blut zu verweisen.

Wenn ich Mama heute frage, wie sie denn ihre jetzige Heimat als ursprüngliche Fremde wahrgenommen hat, so meint sie, es hätte nie Probleme gegeben. Die deutsche Sprache zu lernen, war ihre oberste Priorität. Ohne das Beherrschen dieser, wäre es wohl nicht so einfach gegangen. Heute erkennen nur mehr aufmerksame Zuhörer einen fremdländischen Klang in ihrer Sprache, ganz Aufmerksame erraten sogar das richtige Herkunftsland.

Wo beginnt Integration? Vor allem aber, wo hört sie auf? Welchen Beitrag kann ein jeder von uns leisten?

Der Integrationsprozess bedarf viel Geduld und Fingerspitzengefühl allen Beteiligteren. Vor allem aber Auseinandersetzung unser aller mit dem Menschen. Eine Neugierde auf Neues. Offenheit verschiedener Mentalitäten gegenüber, aber auch das Erforschen der Gründe des Verlassens der eigenen Heimat. Denn so unterschiedlich die Intentionen sind, in ein fremdes Land zu gehen, so unterschiedlich sind auch die Erwartungen an dieses.

Dabei gehen Sozial- und Kulturprozesse Hand in Hand. Hier sind länder- und individuumspezifische Unterschiede zu machen. Auf diesen vielen Ebenen eine allgemein verständliche „Sprache“ zu finden, stellt auch einen Lernprozess innerhalb des Einwanderungslandes dar.

Man kann niemandem verübeln, ein Unverständnis und vorurteilsbeladene Auseinandersetzung mit Klischees, z.B. jener der muslimischen Gesellschaft zu haben. Frauenunterdrückung und Zwangsheirat, Einzelschicksale von Medien bei schrecklichen Vorfällen zudem noch ausgeschlachtet, vermitteln Angst und Unmut. Zu oft betonen/propagieren westliche Gesellschaften ihre Multikulturalität und brüsten sich mit Offenheit. Zeitgleich existiert da aber die „andere“ Seite, basierend aus Unkenntnis der divergierenden Lebenseinstellungen, -vorstellungen und –situationen. Diese Balance zu finden und eine Abgrenzung dem „Fremden“ gegenüber, entgegenzuwirken, ist Aufgabe eines jeden Einzelnen – Angstfrei und mutig zu sein, die Grundlage dafür.

Präventive Integrationspolitik basiert auf der Bereiststellung eines universalen und leichtverständlichen Sprachvermittlungsangebotes. Kenntnisse über die jeweilige Sprache und der Grundwerte des neuen Landes sind Voraussetzungen, müssen bereitgestellt und leicht zugänglich gemacht sein. Kulturelle Vielfalt muss als Aufgabe gesehen werden, sobald erschreckende Einzelschicksale verarbeitet, bzw. diesen vorgebeugt werden kann. Integrationsbedingungen zu eruieren und diese von politischen, kulturellen und religiösen Bedingungen zu unterscheiden, bedeutet permanentes Lernen. Anerkennung und Akzeptanz sind hier die Basis; offene Denk- und Wahrnehmungsformen die Grundlage.

Neben politischer und sozialer Integrationsarbeit, kann hier vor allem Kulturarbeit einen großen Schritt tun. Interkulturelle Kulturarbeit als Austausch – ein Vorstellen der eigenen Kultur und zeitgleiches Reagieren auf anderes. Kulturelle Vielfalt muss immer im Kontext kultureller Differenzen gesehen werden. Das, was Multikulturalität vorgibt, kann demnach nur in Übereinstimmung und der Akzeptanz gegenüber etwas „Fremden“ gesehen werden.

Interkulturell orientierte Kulturpolitik bietet die besten Voraussetzungen für eine möglichst breite Teilhabe und der Partizipation an Kunst und Kultur. Wichtig ist hier das Öffnen der zur Verfügung stehenden Ressourcen innerhalb bereits bestehender Institutionen (Theater, Museen, Kultureinrichtungen). Aber auch direkte Ansprache und frontales „Zugehen“.

Mangel besteht in der zu oft zu einseitigen Ausrichtung, in Form des Angebotes für MigrantInnen oder um Einheimischen die „fremde“ Kultur zu zeigen. Ein Miteinander und gegenseitiger Austausch bleibt da oft auf der Strecke. Es mangelt an kontinuierlichem Erfahrungsaustausch bzw. die Initialisierung eines solchen.

Gesellschaftlicher Integrationsprozess ist Brückenschlag, Neugierig sein, Mittelungsbedürfnis und Zuhören. Das Ziel dafür ist, Raum zu schaffen. Doch kann das ein jeder?

Heide Spitzer


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