Fremd ist der Fremde unter Fremden.

15 11 2011

Sehr gut trifft das absurde Kabarett Karl Valentins aus dem Jahr 1940 den Kern des gegenwärtigen Diskurses. Was alles unter dem Fremden in schlechter Absicht subsummiert wird, ist bemerkenswert: Personen mit Migrationshintergrund, Asylwerber, anerkannte Flüchtlinge, Menschen mit anderer Hautfarbe, EU Bürger, Muslime, Personen mit und ohne österreichischer Staatsbürgerschaft, unliebsame Ausländer, orthodoxe Juden, sgn. Wirtschaftsflüchtlinge, Schulmädchen mit Kopftuch. Die Liste ließe sich fortsetzen. Gleichzeitig gerinnen Probleme sozialer Natur zum Alleinstellungsmerkmal des ungeliebten Fremden. Denn nicht Chancenungleichheit sei Schuld am sozialen Unterschied sondern allein die Fremdheit. Und schließlich wird man/frau sich selbst fremd, wenn unzumutbare Anpassungsleistungen abverlangt werden.  Der andre Fremde hat den Unmut dann zu tragen. Auch die Instrumente zur Behebung vermeintlichen Übels werden gerne in europäischen Medienlandschaften begriffskonfus diskutiert; jene der Anpassung, der Integration, der Überfremdung, der Multikulturalität, Abschiebung, des Terrors, der Segregation, Kulturhegemonie, der Religion, des postmigrantischen Kulturraums. Alles ist eins und die Liste ellenlang. Der Kulturkampf wogt.

Diese Gemengelage populistischer Argumentation wurde vielerorts und mit wenig nachhaltigem Erfolg kritisiert. Hinzuweisen ist auf ihre Gefährlichkeit, weil sie an den Grundfesten von Demokratie, Menschenrechten, internationalem wie nationalem Rechtsbestand rüttelt. Kurzsichtig ist sie, weil sie die nötigen Weichenstellung für die Zukunft (Stichwort: Wissensgesellschaft, Pensionssystem) in Abrede stellt – und absurd deshalb, weil die Rücksichtnahme auf das in Geiselhaft genommene Volksempfinden den klaren Blick auf das vernebelt, worüber eigentlich gesprochen werden müsste: über uns selbst. Der öffentliche verwendete Begriff vom Fremden und dessen Rechten hat grandios versagt und führt sich ad absurdum: Fremd ist der Fremde unter Fremden. Die Stigmatisierung FREMD ist die Waffe im politischen Kampf gegen demokratisch fundiertes Zusammenleben. Sinnentleerung macht Platz für Unterstellung: wir kennen deren Folgen.

Was also ist dann noch über fremde Kulturen zu schreiben? Was über nichtfremde Kulturen? Warum tut man wider besserem Wissen so, als handle es sich bei kultureller Identität um ein statisches, unveränderliches Konstrukt, das bei Belieben dem einen oder anderen zugeschreiben werden kann? Warum so tun, als gäbe es die Einen und die Anderen, wo doch die Unterschiedlichkeit der Vielen die gesellschaftliche Normalität darstellt? Warum den gescheiterten Nationenbegriff vergangener Jahrhunderte bemühen? Warum das Recht auf Individualität und Unterschiedlichkeit nur sich selbst und nicht den anderen gewähren? Bösartig präzise sagen deshalb manche: Kultur enge ein, erst die Kunst öffne den Blick.

Im großartigen Buch von Mark Terkessidis (Interkultur, 2010) steht zu lesen: „Anstatt (…) die herkömmlichen Vorstellungen zu bedienen, um kurzfristig Mehrheiten zu organisieren, sollten die Parteien und die Regierung (in Deutschland) ein Interesse daran zeigen, eine Gemeinschaft der Zukunft zu stiften. Denn schon bald wird der demographische Wandel für neue Mehrheiten sorgen.“ 

Was für die Erzeugung von Barrierefreiheit als Kern vernünftiger Politik interessieren sollte, ist die Normalität des Alltags, die Verwobenheit von Unterschiedlichkeit und Vielfalt, das Schillern der vielen Dimensionen des Menschen. Es sollte die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft interessieren, nicht deren Stigmatisierung und Lähmung. Am Höhepunkt des Medienrummels um Thilo Sarrazins rechtspopulistische und stigmatisierende Scheinanalyse über den Zustand Deutschlands erscheint das Manifest der Vielen (2011). Es stellt in aller Klarheit fest: Man müsse Deutschland (ich füge hinzu: welches Land auch immer) neu erfinden! Der Grundtenor des Buches ist konträr zu jenem Sarrazins: hier wird von jenen für eine neue Form des Umgangs mit Zukunft und gesellschaftlicher Verantwortung plädiert, die Herr Sarrazin scham- und verantwortungslos desavouiert. Deniz Utlu schreibt in ihrem Beitrag zum Manifest der Vielen: „Ich suche nach etwas Drittem, das in Allem steckt. Kopfland – mit einer Bevölkerung, in alle Welt zerstreut. Unabhängig von lokalen Riten und Normen. Vom Erbe der Ahnen. Eine Parallelwelt, ein Sonnensystem – mit eigenen Ressourcen und eigener Definitionshoheit über das was Kunst und Kultur ist, über das, was bleiben soll“. Das gilt selbstverständlich auch für Österreich. 

Man sollte einfach damit beginnen, die gesellschaftliche Realität, so problematisch sie auch sei, zu begreifen. Man sollte aufhören, ständig einen Ausnahmezustand zu beschwören, der doch seit Jahren gelebte Normalität ist. Man sollte trotz humanitärer Katastrophen auch von den konstruktiven Möglichkeiten sprechen, die sich aus weltweiter Migration ergibt. Man sollte proaktive und faire Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik betreiben. Man sollte sich von der Vorstellung lösen, Grenzen schließen zu können. Die jahrhundertalte Forderung beleben: Recht auf Bildung und Kultur für alle! So viele Imperative, ich weiß! 

Zu fremder Kultur fällt mir nur noch der Tourismus ein: dessen Verheißungen und Vorurteilsfallen, dessen Exotismus und dessen Ausnahmezustand. Doch auch dieses Bild führt in die Irre angesichts der touristischen Enklaven mit ihren charakterlosen Restaurantketten und gleichförmigen Flughäfen. Wer ist schon wirklich fremd im globalisierten Dorf der Freizeitindustrie? Wahrscheinlich der Tourist, der sich in der Fremde so wohlig fremd und hemmungslos heimisch erlebt. Fremde ist der Fremde unter Fremden am Ballermann auf Mallorca. Natürlich.

Schließlich: KulturKontakt Austria, die Institution der ich seit mehr als zwanzig Jahren in unterschiedlichen Funktionen angehören darf.  Kulturen in Kontakt also! Ich sollte möglicherweise darüber schreiben, wie diese Institution professionell mit den Fremden umgeht: mit der (den) Kultur (en) der Bosnier, der Rumänen, der Kroaten, der Ukrainer, der Schweden, der Kosovaren, der Deutschen, der Österreicher, der Finnen und Ungarn. Ich sollte von unserem Beitrag zur Völkerverständigung sprechen, von der Vision des Gemeinsamen Europa.  Jenseits der Anekdoten, die das Berufsleben immer mit sich bringt, weiß ich jedoch nicht viel an Charakteristischem zur anderen und eigenen Kultur zu sagen. Es beschäftigt mich nicht sonderlich. Ich bin kein Ethnologe sondern beamteter Kultur- und Bildungsarbeiter. Mich interessiert die Arbeit  eines Künstlers und dessen Reflexion seiner Welt. Mich interessiert der Ausgleich der Interessen, die gemeinsame Arbeit an Projekten, die Reflexion verwandter Problemstellungen. Mich interessiert das gemeinsam erarbeitet Ergebnis und die integrative Kraft einer Schulklasse. Die alltägliche Arbeit kreist nicht um den Unterschied, sondern um das Gemeinsame und die Kreation von Neuem, dringend von dieser Gesellschaft Benötigtem. Diese Haltung, so glaube ich, teile ich mit vielen, die an der Entfaltung von Problemlösungen interessiert sind. Wir schätzen die Vielfalt. Der Diversität Rechnung zu tragen hat kreatives Potential, immer schon und auch in Zukunft, trotz der Unkenrufe jener, die sich dumpf der Gleichförmigkeit verschrieben haben.

Vielleicht führt auch nur die Bezeichnung unserer Institution in die Irre. Sie legt möglicherweise nahe, es ginge um den Kontakt zwischen festgeschriebenen Kulturen: der unseren (welcher?) und der Anderen, am immer noch spürbaren Eisernen Vorhang. Wer über die Region Südosteuropa (semantisch gern zum problematischen „Balkan“ verdichtet) nur ein wenig Bescheid weiß, kennt die tödlichen Fallen ethnischer und religiöser Stigmatisierung. Adela Peevas großartiger Film fällt mir dazu ein: Whose is this song (2003). Sie reist mit ihrem Ehemann durch die Lokale Südosteuropas und stellt die immer gleiche Frage zum immer gleichen Lied, das sie ihren GesprächspartnerInnen vorspielt: „Ist das euer Lied? Ja? Aber die anderen sagen, es sei ihr Lied? Ihr Liebeslied, ihr Kriegslied, ihre religiöse Hymne!“ Wieder ein absurder Befund: die wechselseitige Usurpation von Liedgut, der Alleinanspruch an etwas, das allen gehört.

Ich höre den Vorwurf der Verharmlosung schon jetzt an diese Zeilen gerichtet, sehr zu Unrecht. Das worüber ich nicht gesprochen habe, seien die Probleme, die der scheinbar Fremde mit sich bringe. Gerne entgegne ich: Als was entpuppen sich die vielbeschworenen Problemlagen zu guter Letzt? Das Wohnghetto als verfehlte Stadtpolitik, die Bildungsversager als blockierte Schulpolitik, die hohe Ausländerkriminalität als Mythos, die zu geringe Anpassungsleistung des Fremden als Abwehr jener, die zur Kommunikation nicht fähig sind, die  beschworene Überfremdung als wahlpolitisches Manöver. Aber das hat mit fremden Kulturen nichts zu tun, sondern mit der Unkultur der Eigenen. Es wird, mit Verlaub, ein gesellschaftliches Problem zum Problem einer religiösen oder ethnisch definierten Klasse verdreht.

Zum Abschluss noch ein wenig Karl Valentin. „Dem Einheimischen sind eigentlich die fremdesten Fremden nicht fremd. Der Einheimische kennt zwar den Fremden nicht, kennt aber am ersten Blick, dass es sich um einen Fremden handelt.“

Also hören wir bitte endlich auf, die Tautologie von der fremden Kultur zu bedienen.

Gerhard Kowar, Kulturkontakt Austria


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