Warum wir kein Migranten-Theater brauchen…

5 10 2011

Wolfgang Schneider
Warum wir kein Migranten-Theater brauchen…
…aber eine Kulturpolitik, die in Personal, Produktion und Publikum der dramatischen Künste multiethnisch ist

Mehr als ein Fünftel der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund. Migration allerdings findet im Theater nur als Marginalie statt. Den Stadttheatern fehlt das Personal, die Ausbildungsstätten haben bei weiten nicht den repräsentativen Anteil an migrantischen Nachwuchs und das Publikum wird zwar weniger und älter, aber ganz und gar nicht bunter. Jüngste Debatten des deutschsprachigen Theaters kommen Jahrzehnte zu spät, erste strukturelle Maßnahmen in der Theaterpraxis sind längst überfällig, einige Veranstaltungen und Veröffentlichungen zum Thema sind hilfreich für den Diskurs, Konsequenzen für die Kulturpolitik wären aber noch zu formulieren.

Integration ist in Zeiten von Globalisierungsprozessen eine der großen Herausforderungen gesellschaftlichen und politischen Handelns. Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, religiöser Orientierung und kultureller Tradition soll eine gleichberechtigte Teilhabe am alltäglichen Leben gewährt werden. Ziel von Integration ist auch die Respektierung kultureller Vielfalt in einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft. Kulturpolitik kann im Intergrationsbemühen eine zentrale Rolle spielen, in dem sie zum Verständnis sowie zur Anerkennung kultureller Differenzen beiträgt. Interkultur wird in diesem Zusammenhang als Schlüsselbegriff benutzt um den Anspruch von Kulturpolitik zu definieren und Integration mittels kultureller Praxis zu ermöglichen.

Kunst und Kultur sind für einen gelingenden interkulturellen Dialog unverzichtbar. Die den Künsten innewohnende Dynamik, ihr Experimentier- und Innovationscharakter, ihr emotionales Potential und nicht zuletzt auch die Möglichkeit der nonverbalen Kommunikation erleichtern und befördern die Begegnung mit anderen Kulturen und Traditionen und können die wechselseitige Akzeptanz verstärken. Besonders kulturelle Bildungsprozesse vermögen es, unterschiedliche Wertvorstellungen und Lebensformen zu vermitteln. Kenntnis und Verständnis füreinander sind wesentliche Voraussetzungen für ein gewaltfreies Zusammenleben in der Gesellschaft. Der Weg ist damit vorgeschrieben: Von der interkulturellen Herausforderung zur Interkulturalität.

Was heißt das für die Theaterstätten und Theatergruppen in Deutschland und Österreich? Was tut sich, was gibt es an Konzepten? Welche multiethnischen Angebote, welche interkulturelle Kunstvermittlung prägen die Modelle? In Köln wurde diskutiert, die Diskurse sind in dem Buch „Theater und Migration. Herausforderungen an Theaterpraxis und Kulturpolitik“ (Transkript Verlag, Bielefeld 2011) dokumentiert. Kulturwissenschaftler und Theaterkünstler haben das Wort, Kulturpolitik und Theaterpraxis stehen auf dem Prüfstand. Es gibt unterschiedliche Positionen über das Theater als Bühne kultureller Identitäten, über das Theater als Auseinandersetzung mit dem Fremden, über das Theater als Ort gesellschaftlicher Partizipation, über das Theater als Angebot interkultureller Dialoge.

Aus all den Überlegungen, aus all den theoretischen Diskursen, aus all den Analysen der Praxis lassen sich Erkenntnisse erzielen, die Eingang in einen Auftrag an Kultur- und Bildungspolitik finden sollten. Die Entwicklung der Theaterlandschaften darf nicht mehr dem Zufall  überlassen bleiben, sondern muss aus Verantwortung, öffentliche Mittel nicht nur den klassischen Kulturnutzern zu Gute kommen zu lassen, der gesamten Gesellschaft ein Theater für alle ermöglichen. Wir brauchen kein Migranten-Stadl, wir brauchen eine umfassende Reform des Theatersystems!

Prof. Dr. Wolfgang Schneider ist geschäftsführender Direktor an der Universität Hildesheim


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11 10 2011
Christoph Thoma

Dr. Wolfgang Schneider ist Professor am Institut für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim, Vorsitzender der ASSITEJ Deutschland sowie Herausgeber des Bandes „Theater und Migration“.

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